J. Rauber & E. Aschwanden

Zu Pferd quer durch die Schweiz
Vom Bodensee zum Genfersee

Grenzerfahrungen, Herausforderungen, fremde Länder!

Jürg Rauber (Foto) suchte im Jahr 2007 gemeinsam mit dem Aargauer Edi Aschwanden, einem Globetrotter, der das Einfache liebt und mit kleinem Budget und oft zu Pferd, bereits die halbe Welt bereist hat, das Abenteuer vor der eigenen Haustür. Auf dem Rücken der Criollos "Chapparon" und "Olga", die beide Jürg Rauber gehörten, durchquerten die beiden die Schweiz. Die Schweizer Pferdezeitschrift "Kavallo" berichtete über den Ritt.

Für sein geplantes Pferdetrekking vom Bodensee zum Genfersee benötigte Edi Aschwanden erst einmal ein Pferd. Von Jürg Rauber aus Marthalen wusste er, dass dieser etliche südamerikanische Pferde besitzt, kannte ihn aber nur flüchtig. Am Telefon sagte Rauber: «Du kannst ein Pferd von mir haben, aber ich komme mit!» Eine Viertelstunde später waren sich die beiden Männer einig. Er wäre längst «überreif» für ein Abenteuer, meinte Jürg Rauber, der seit Jahren nicht mehr in den Ferien war, eine große Familie und ein eigenes Geschäft hat. «Und ich brauchte ebenfalls wieder einmal ein Time-out», erklärt Edi Aschwanden seine Motivation für die Reise, die an einem kalten Samstagmorgen im September am Bodensee begann. Da lagen bereits lange Vorbereitungen und Proberitte hinter den beiden – und vier aufregende Wochen vor ihnen.

Zähe Pferde, leichte Ausrüstung

In seiner Freizeit stellte der Servicetechniker Aschwanden Ausrüstungsgegenstände her, die es nirgends zu kaufen gibt: Grosse Filzschabracken, damit die 20 kg Gepäck gut verteilt waren, ein mobiler Weidezaun, ein ultraleichtes und zerlegbares Tischchen mit Hockern usw. «Das Gewicht zu reduzieren war auch bei diesem Trekking die Herausforderung. Schließlich mussten die Pferde ja zusätzlich auch noch uns mittragen», erklärte Aschwanden. Die vierbeinigen Reisepartner hießen Olga und Chapparon, zwei echte Criollos, die aus Uruguay stammen und dort als Gaucho-Pferde gearbeitet haben. Südamerikanische Criollo-Pferde sind zäh, genügsam, belastbar und vor allem trittsicher – und eigneten sich deshalb perfekt für den Ritt durch die Schweiz. Ganz ohne Schenkeldruck und am langen Zügel gingen die beiden Criollos zügig vorwärts. Stunde um Stunde. 

Ihre Route hatten Rauber und Aschwanden nicht penibel durchgeplant, sondern legten sie von Tag zu Tag neu fest. In der ersten Woche führte sie der Weg vom Bahnhof Altnau am Bodensee durch die sanften Landschaften des Thurgaus nach Mammern, dann durch das Zürcher Weinland. Unterhalb des Rheinfalls passieren die vier die deutsche Grenze, um allzu dicht besiedeltem Gebiet auszuweichen. Sie ritten durch das Klettgau, bis sie in Zurzach wieder Schweizer Boden betraten. Von Zurzach ging es weiter nach Döttingen, Mandach und via Sennhütten auf den Linnerberg.

Einfaches Leben unterwegs

Die Tagesetappen, bei denen die beiden Reiter auch einmal abstiegen und ein Stück wanderten, um die Pferde zu schonen, betrugen jeweils sechs bis acht Stunden. Während sie abends das Camp aufbauten, wälzten sich Olga und Chapparon genüsslich. «Die Arbeitsteilung ergab sich von selbst», erzählte Edi Aschwanden. Jürg Rauber, der als Holzrücker und langjähriger Besitzer von Criollos viel Erfahrung mit Pferden hat, versorgte die Pferde. Striegel und Bürste hatte er nicht dabei, Grasbüschel eigneten sich bestens. Außerdem suchte Rauber Holz und machte das Feuer, auf dem Aschwanden dann kochte. Der Aargauer war außerdem verantwortlich für das Einzäunen, die «Kontakte zu den Einheimischen » und das Kartenmaterial.

Die Pferde fraßen unterwegs neben Gras genüsslich alle Arten von Disteln, ganze Baumnüsse, Äste, Obst, Blätter und Maiskolben. Kraftfutter brauchten sie keines. «Nachts zäunten wir für die Pferde zur Hauptsache Waldränder ein, die nicht bewirtschaftet wurden.» Die beiden Reiter schliefen in der Nähe ihrer Tiere, meist unter freiem Sternenhimmel. «Das Zelt hatten wir schon bald nach Hause geschickt.»

In der zweiten Woche zog das Quartett über die Staffelegg, den Herzberg und das Bänkerjoch bis zur Saalhöhe. «Im Fricktal betraten wir zum ersten Mal den Jura-Höhenweg. Dieser Weg wurde zum schönsten und anspruchsvollsten Abschnitt unseres Trecks. Es gab Strecken, die waren talwärts für Pferde zu steil, zu felsig oder zu glitschig. Also mussten wir zurück reiten und einen Umweg suchen. Bergab führten wir unsere Pferde jeweils», erzählte Aschwanden. Auf dem besagten Jura-Höhenweg überquerten sie die Geissflue, den Flueberg, unteren Hauenstein und die Belchenflue bis Langenbruck. Weiter ging es über den oberen Hauenstein und den Helfenberg, über Wasserfallen und Bürten bis zum Passwang. Danach führte die Route durchs Guldental zum Scheltenpass und weiter nach Schönenberg, Envelier und auf den Mont Raimeux. Per steilem Zick-Zack-Abstieg über 600 Höhenmeter ging es nach Moutier, dort mitten durch den Ort, bis nach Perrefitte und hinauf nach Pratrin.

Ruhepausen und Reportagen

«Auf früheren Trekkings habe ich die Erfahrung gemacht, dass hart arbeitende Pferde jede Woche einen Ruhetag brauchen. So bleiben sie gesund, konzentriert und vor allem bei guter Laune. Genau wie wir», erklärte Edi Aschwanden. Sie legten die Ruhepausen dorthin, wo für die Pferde eine sicher eingezäunte Weide zur Verfügung stand. Dort konnten Olga und Chapparon grasen und ausruhen, während ihre Reiter versuchten, eine Dusche und Waschmaschine zu finden. Während der Ruhetage schliefen sie im Heu oder manchmal auch in einem richtigen Bett. «Als Gegenleistung versuchten wir, uns nützlich zu machen». So rüstete ich einmal einen Tag lang Randen, ein andermal versetzten wir ein Gartencheminee oder luden Heuballen ab», erzählte Aschwanden. Manchmal bot ein Bauer den beiden ein Bett an, einmal übernachteten sie in einem Tipi, ein andermal in einer Naturfreundehütte.

Eine willkommene Abwechslung war auch der Tag auf dem Passwang, an dem sich eine Crew von Radio DRS1 für einen Live-Bericht über die beiden Abenteuer angemeldet hatte. Reporter Thomy Scherrer und seinem Tontechniker machte es offensichtlich Spaß, auf über 1000 Metern die Sendung «Treffpunkt» zu moderieren.

Durch die Freiberge

In der dritten Woche führte der Weg nach Les Ecorcheresses und weiter auf den Moron, dann nach Bellelay, Les Genevez bis Saignelégier. In den Freibergen wurden die Nächte nicht nur kalt – die Temperatur fiel bereits unter null – sondern auch lang. Ganze «Banden» von neugierigen Pferden im Teenageralter – alle mit umgehängten Glöckchen – besuchten das Camp und vor allem die beiden «fremden» Criollos. «Man konnte nie wissen, was sie alles anstellen würden, um zu uns in die Koppel zu kommen. Wir standen deshalb immer wieder schlaftrunken auf, um die Kerle zu vertreiben», erinnerte sich Aschwanden. An einen leichten Schlaf hatten sich die beiden bereits gewöhnt: «Ein Ohr hatten wir immer bei den Pferden.» Diese waren nur noch mit einem Band eingezäunt, nachdem das Elektrogerät bereits in der ersten Woche den Geist aufgegeben hatte. «Nur gut, dass die Pferde das nicht gemerkt haben! Aber wenn Olga und Chapparon bei einem Bauern auf der Weide übernachten konnten, schliefen wir bedeutend besser.» Am komfortabelsten übernachteten die beiden im Bed & Breakfast des Ehepaars Röthenmund in Saignelégier (www.la-combe.ch). «Sie fuhren mit uns im Einspänner über die Juraweiden und verwöhnten uns kulinarisch, während sich unsere Pferde im Freilaufstall erholten.» Frisch gestärkt, zog das Quartett von Saignelégier aus durch die Franches Montagnes bis nach La Ferrière und von da wieder auf den Jura-Höhenweg. Immer öfter tauchte nun der Neuenburgersee im Blickfeld auf. La Chaux-de-Fonds ließen sie rechts liegen und stiegen auf zur Vue des Alpes, Tête de Ran und den Mont Racine, bevor sie Les Ponts-de-Martel erreichten.

Verflixte Weidezäune

Unterwegs trafen Reiter und Pferde auch immer wieder auf Unangenehmes, allem voran die zahlreichen Weidezäune. «An manchen Tagen stiegen wir zehn bis zwanzig Mal ab, zogen Pfähle aus dem Boden, lösten Stacheldrähte und bauten Steinwälle ab. Danach musste natürlich alles sorgfältig wieder aufgebaut und festgemacht werden.» Das Duo teilte sich auf: Einer machte die Arbeit, der andere hielt die Pferde. Werkzeuge und Handschuhe waren immer griffbereit. «Im Ausland war mir in solchen Situationen jeweils ziemlich mulmig. Schweizer Bauern holen aber glücklicherweise nicht so schnell das Gewehr. Viehdiebe sind hierzulande selten!», sagte Aschwanden. Aber auch etliche rücksichtslose Autofahrer wurden auf dem Ritt zu einer negativen Erfahrung.

Da Rauber und Aschwanden ihre Route weder genau geplant noch rekognosziert hatten, brachte jeder Tag neue Überraschungen. Beispielsweise standen sie auf dem 1336 m hohen Moron plötzlich vor einem spiralförmigen Turm des Architekten Mario Botta. «Die schönsten Erlebnisse aber hatten wir mit den Menschen, denen wir begegneten. Stets waren wir willkommen, man interessierte und engagierte sich für uns und machte das Unmögliche möglich.»

Schlechtes Wetter zum Schluss

Ihr Ritt quer durch die Schweiz führte das Quartett in der vierten Woche durch Couvet, Les Rochat, Mauborget und Bullet. In der Romandie ist die Jurakette relativ hoch, Pferd und Reiter bewegten sich auf einer Höhe von 1100 und 1400 Metern über Meereshöhe. Dann wurde der Wetterbericht zum ersten Mal schlecht, Schnee, Regen und Wind waren angesagt. Deshalb beschlossen Rauber und Aschwanden, den Jura zu verlassen und auf kürzestem Weg zum Genfersee zu reiten. Keine gute Idee. Die Gegend ist stark überbaut und unzählige Zäune und Strassen machten den Vier das Leben schwer. «Trotz der Schönheit der goldenen Rebberge fehlte uns der Jura.» In Arnex-sur-Orbe beschloss das Duo, die Reise aufgrund der schlechten Wetterprognosen abzubrechen. «Auch wenn unser Ziel, der Genfersee, nur noch 18 Kilometer entfernt war.» Mit den SBB wollten die beiden ihre Pferde heim transportieren, erfuhren aber, dass das seit 20 Jahren nicht mehr möglich ist. Also fuhr Jürg Raubers Sohn Andrej die vier im geliehenen Pferdetransporter nach Hause. Edi Aschwanden stieg in Lenzburg aus und wartete – den Westernsattel unter dem Arm – auf dem Parkplatz vor dem McDonald’s darauf, dass seine Frau ihn abholte. «Nicht gerade ein romantisches Ende», lachte er. «Aber die Tage und Wochen im Sattel sind unvergesslich. Unter stahlblauem Himmel über einsame Kreten zu reiten, nichts zu hören als den Wind und das Schnauben unserer Pferde, das ist ein Gefühl, das uns noch lange begleiten wird.»

Text: Katharina Aschwanden
Fotos: Edi Aschwanden

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